Es gibt eine Frage, die die meisten Unternehmer nie stellen. Nicht weil sie keine Antwort hätten. Sondern weil die Antwort unbequem sein könnte: Bin ich süchtig?
Coach Torsten Nassall arbeitet seit Jahren mit Männern, die Leistung als Lebensinhalt definieren. Auf torsten-nassall.de hat er sieben Fragen veröffentlicht, die ich für jeden lesenswert halte, der sein Verhalten klar sehen will. Worum es geht: nicht um Alkohol. Sondern um die Muster, die wir als Stärken etikettieren.
Sucht erkennen — warum das schwerer ist als es klingt
Sucht hat ein Image-Problem. Wir denken an Flaschen, an Krisen, an offensichtliches Scheitern. Was wir nicht sehen: die Verhaltenssucht im Chefbüro. Die Arbeit als Betäubung. Das ständige Beschäftigtsein als Schutz vor Stille.
Nassall bringt es auf einen Satz: „Sucht ist keine Schwäche. Sie ist eine Antwort auf einen Schmerz, den wir nicht fühlen wollen."
Das macht sie für Leistungsträger besonders gefährlich. Was sich anfühlt wie Disziplin, kann Vermeidung sein. Was wie Einsatz aussieht, kann Kontrolle über das eigene Innenleben bedeuten.
Die sieben Fragen
Nassall schlägt einen einfachen Test vor. Sieben Fragen, ehrlich beantwortet:
- Habe ich Kontrolle über die Menge? Wenn du dir vornimmst, um 18 Uhr aufzuhören, und es nicht klappt: Woran liegt das?
- Lüge ich darüber? Wenn wir anderen oder uns selbst verheimlichen, wie viel Raum ein Verhalten einnimmt, ist das ein Marker.
- Brauche ich es, um zu funktionieren? Kommst du ohne den Kaffee, ohne die Arbeit, ohne die Ablenkung nicht in Gang?
- Was kommt zu kurz? Beziehungen, Körper, Schlaf, Projekte, die dir wirklich wichtig sind. Sucht verbraucht Zeit, ohne dass man merkt, wie sie geht.
- Wie reagiere ich, wenn jemand das Thema anspricht? Wer das Muster benennt, löst eine Reaktion aus. Die Heftigkeit der Abwehr zeigt die Tiefe des Griffs.
- Was passiert, wenn ich versuche aufzuhören? Unruhe, Leere, Gereiztheit: Das sind keine Charakterschwächen. Das sind Entzugssignale.
- Was würde ich fühlen, wenn das Verhalten weg wäre? Das ist die eigentliche Frage. Sucht schützt immer vor etwas.
Gewohnheit oder Sucht — der Unterschied
Eine Gewohnheit kann man lassen. Nicht immer leicht, aber es geht. Nassalls Formel: Wenn der Gedanke ans Lassen selbst schon Stress auslöst, ist die Grenze überschritten.
Viele Unternehmer kennen das Phänomen: Sie wollen Urlaub machen und können nicht abschalten. Sie wollen delegieren, greifen aber nach zwei Tagen wieder ein. Der Engpass, über den wir hier oft schreiben, liegt nicht immer im System. Manchmal liegt er in der Unfähigkeit, loszulassen.
Warum das ein unternehmerisches Thema ist
Verhaltenssüchte, die Nassall in seiner Coaching-Praxis am häufigsten sieht:
- Arbeitssucht: ständige Beschäftigung als Normalzustand
- Kontrollsucht: alles muss über den eigenen Tisch
- Drama-Sucht: immer eine Krise, immer Dringlichkeit
- Informationssucht: Nachrichten, Feeds, Meldungen ohne Pause
- Anerkennungssucht: der Applaus als einziges Antriebsmoment
Alle fünf haben Folgen für Unternehmen. Wer arbeitsüchtig ist, kann nicht übergeben. Wer kontrollsüchtig ist, bleibt der Engpass. Wer Drama braucht, baut instabile Strukturen, die kein Wachstum tragen.
Sucht ist kein Problem. Sucht ist eine Antwort. Wenn du die Frage hörst, die sie beantwortet, kannst du anfangen, sie loszulassen.
Was du jetzt tun kannst
Nassall gibt eine klare Hierarchie: Bei akuter Sucht gehst du zum Arzt oder in die Suchtberatung. Das ist kein Coaching-Fall. Bei einem Verdacht ohne akuten Leidensdruck können Selbsthilfegruppen oder ein Therapeut weiterhelfen. Coaching kommt nach der akuten Phase, wenn es darum geht, die Muster zu verstehen, die dahinter lagen.
Für Unternehmer bedeutet das konkret: Die ehrlichste Arbeit am eigenen Unternehmen beginnt nicht mit dem Bauchladen, dem Businessplan oder der Skalierungsstrategie. Sie beginnt mit den sieben Fragen.